Exkursion für das Ref X 4 des Kdos SanDstBw.

Seit einer Exkursion im August 2017 sind mir Oberst i.G. Jürgen Thym und dessen Kamerad, Oberstleutnant Frank Berger gut bekannt. Die beiden Offiziere blicken auf eine langjährige aktive Dienstzeit in der Bundeswehr zurück und haben sicher großen Anteil daran, was die Bundeswehr heute im positiven Sinne darstellt. Nach Abschluss einer Exkursion bedankte Jürgen Thym sich mit den Worten “herzlichen Dank für die ausgezeichnete, lebhafte, sehr sachkundige und spannende Exkursion.” In den vergangenen Jahren begegneten wir und wiederholt während meiner Veranstaltungen. Dabei war ich jedes Mal der “Chef”!

Schon wenige Zeit später waren die beiden Berufsoffiziere gute Bekannte, heute zähle ich sie zu Freunden und Kameraden. Vor einigen Wochen wurde ich durch Jürgen gefragt, ob ich nicht eine Veranstaltung für seine Dienststelle durchführen möchte. Angefragt, durchgeplant, ausgeführt! Am vergangenen Donnerstag war es dann so weit und ich empfing an der Schule zu Epgert eine Abordnung des Ref. X4 vom Kommando der Sanitätsdienststelle der Bundeswehr. Neben Jürgen Thym waren 19 aktive Soldaten und eine Soldatin zusammengekommen, dazu noch ein Obergefreiter der Reserve.

Oberst i.G. Jürgen Thym - Fotoquelle: Bundeswehr PIZ San

Oberst i.G. Jürgen Thym – Fotoquelle: Bundeswehr PIZ San

Zusammensetzung der zu führenden Gruppe

Wenn ich den Überblick behalten habe, waren wenigstens ein Oberst, drei Oberstleutnante, zwei (oder drei?) Majore, zwei Hauptmänner, ein Oberleutnant und zahlreiche Portepee-Uffze ab Hauptfeldwebel aufwärts und ein Obergefreiter anwesend. Ich muss zugeben: So viele Soldaten auf einen Haufen habe ich nicht mehr erlebt seit vergangener Veteranentreffen während der 1990er Jahre, wo ich durch meine Recherchen öfters mit größeren Gruppen deutscher und amerikanischer Veteranen zusammengekommen bin. Es kommt hinzu: Meine eigene aktive Dienstzeit war am 31.12.1992 beendet; “mein Gott, welcher Dienstgrad stellt denn das auf der Schulter gezeigte dar?” war am vergangenen Donnerstag häufiger ein Gedanke, der sich mir stellte, da hier doch die Routine ein Stück weit fehlte. So war mir z.B. die Existenz des Oberstabsfeldwebels vollkommen entfallen. Sorry, OStFw. Oliver B.! 🙂 … Abschließend stellte mich auch der Umgang mit Frau in Uniform vor für mich vollkommene Ungewohntheiten. Zu meiner Zeit gab es ja noch keine Frauen in Uniform – bzw. nicht bei den waffentragenden Teilen der Bundeswehr, beschränkte sich, so wie mir erinnerlich ist, nur auf approbierte Ärztinnen und Sanitätspersonal. Die ersten Sanitätsoffiziersanwärterinnen wurden nicht vor 1989 zugelassen, die Laufbahnen für Unteroffiziere und Mannschaften im Sanitäts- und Militärmusikdienst erfolgte erst 1991. Mit Frau Major Sta. habe ich mich dann während und nach der Exkursion noch eine ganz lange Weile unterhalten und auch wirklich persönliche Fragen stellen können. Eine Frau, die in Einsätzen in Afghanistan ihren Mann gestanden hat und selbst weiß, dass im Leben nicht mit Wattebäuschen geworfen wird! Alle Achtung! Ihr Werdegang lässt auf auf jeden Fall manchen angeblich gestandenen Mann blas werden!

Leitung der Exkursion

Nachdem Jürgen mich seinen Kameraden vorstellte, habe ich die Gruppe übernommen, ein paar Worte über mich und meine Arbeit vorgebracht. Erklärte, dass ich in Anbetracht des doch sehr ernsthaften Themas immer versuche die Führung so locker als möglich durchzuführen. Dabei bin ich dann auch immer mit allen und jedem sofort auf “per Du”, egal ob General, Doktor oder Ingenieur. Titel und Ränge gibt es an den Exkursionentagen nicht – ach, Moment… Ränge… 🙂

Der Obergefreite R. A. Schäfer…

Ja, da war doch was… Dienstgrad! Im Abschnitt oben erwähnte ich einen Obergefreiten – das war und bin ich, OG d.R, Obergefreiter der Reserve! Zu dieser meiner eigenen Veranstaltung bin ich als aktiver Reservist zur Dienstlichen Veranstaltung herangezogen worden. Dass das überhaupt Möglich war, habe ich zwei Freunden zu danken, denen ich an dieser Stelle noch einmal meinen vollen Dank aussprechen möchte. Währen der gesamten Exkursionsdauer habe ich zwar mehrfach versuchte, den Oberst Thym zu einer Feldbeförderung zu überreden, aber der Berufssoldat blieb standhaft und Oberstleutnant Berger durfte seine Schulterstücke behalten. Mit dem Bewusstsein, “Offizier werde ich heute nicht mehr”, schlug schließlich auch der Versuch fehl, aus dem “kleinen” OStFw. Oliver B. einen Obergefreiten und umgekehrt, mich zum Oberstabsfeld zu befördern. Obwohl keine Feldbeförderung mehr möglich war, hab ich mich dann als Obergefreiter selbst zum Führer dieser Gruppe ernannt und bin dadurch dann erst recht zum “Kommandeur” der Gruppe geworden – und, JA!, ich habe es genossen! 🙂 Das ist eben der Vorteil, wenn man Veranstalter ist! Ich muss sogar betonen, kaum eine Exkursion der vergangenen Jahre hat mir so viel Spaß bereitet wie diese! Womit ich an dieser Stelle den Kameraden und Kameradinnen meinen absolut besten Dank aussprechen möchte! Ihr wart echt ein tolles Publikum!

Hier melde ich Herrn Oberst Thym das Eintreffen der Gruppe vor Hümmerich.

Der OG Schäfer meldet dem Oberst das Eintreffen der Gruppe vor Hümmerich.

Inhalt der Exkursion waren die Kampfhandlungen im Bereich der 272. Volksgrenadier Division am 25. März 1945 

Seit dem 20. März war die Division durch amerikanische Angriffe stark bedrängt und verlor zunehmend das innere Gefüge, so dass die Auflösungserscheinungen und eine bereits drohende restlose Zerschlagung zunächst nur noch durch das Bilden von Regimentskampfgruppen verhindert werden konnte. So war laut Aufzeichnungen das Herstellen einer Grundordnung unmöglich, die Stärke der Kampfgruppen belief sich auf rund 200 bis 250 Mann, ab dem 23.3. brachte die Division noch rund 1000 Mann in Front, mit einem Durchschnittsalter von 36 – 40 Jahren, wobei die Soldaten reih weg schlecht ausgebildet und die Ausrüstung unvollständig war, während sich die Bewaffnung zu einem großen Teil aus russischer und holländischer Beutewaffen zusammensetzte. “Dennoch konnten schwache Teile die `Truppe´ waren, kleine Erfolge erzielen, solange diese mit ihnen bekannten Führern entschlossen antraten”, halten die Aufzeichnungen fest. Einige Erfolge dieser Zeit waren nicht unbedingt immer auf den öfters zitierten Fanatismus zurückzuführen, sondern fußten eben häufig besonders auch auf unabdingbaren Zusammenhalt, in welchem sich die Kameradschaft der Soldaten – heute wie damals – ausmachte und begründete. So konnte ein Kommandeur auch mit schwacher Truppe ein gesetztes Ziel erreichen, das in der vorherigen Einschätzung als vollkommen unmöglich oder kaum umsetzbar erschien.

Der Obergefreite und seine Zuhörer - Unweit dieser Stelle musste sich die amerikanische Panzerverstärkung am 25. März 1945 von der Infanterie trennen, welche sie eigentlich unterstützen sollte. Morastiger Untergrund veranlasste die Panzer zu gefährlichen Umwegen.

Der Obergefreite und seine Zuhörer – Unweit dieser Stelle musste sich die amerikanische Panzerverstärkung am 25. März 1945 von der Infanterie trennen, welche sie eigentlich unterstützen sollte. Morastiger Untergrund veranlasste die Panzer zu gefährlichen Umwegen.

So konnte die Kampfgruppe Loch unter ihrem Kommandeur, Hauptmann Walter Loch, den ihr zugewiesenen Gefechtsabschnitt über die Dauer mehrerer Stunden verteidigen, einen Gegenstoß durchführen, dabei eine durch den Amerikaner überrannte Granatwerfer in Dasbach zurückerobern und bis Siebenmorgen vorstoßen, wo man zunächst schwere Infanterieangriffe abwehren konnte, bis amerikanische Truppen mit Panzern den Ort angingen. Der Kampfauftrag, Sperren der Autobahn-Übergänge, konnte durch die Kampfgruppe bis zum Abend aufrecht gehalten und wurde erst aufgegeben, nachdem amerikanische Kräfte an beiden Flanken durchgebrochen waren und dadurch die Kampfgruppe Gefahr lief, abgeschnitten zu  werden.

Auszug aus dem Gefechtsbericht "Zum Kampf der 272. VGD ostwärts des Rheins"

Auszug aus dem Gefechtsbericht “Zum Kampf der 272. VGD ostwärts des Rheins”

Auf der Höhe nordöstlich Hümmerich angelangt. Schilderung der Gefechte im Bereich zwischen Willroth, Autobahn und Gierender Höhe.

Auf der Höhe nordöstlich Hümmerich angelangt erhalten die Exkursionsteilnehmer eine Schilderung der Gefechte im Bereich zwischen Willroth, Autobahn und Gierender Höhe.

Abschluss der Exkursion

Die Exkursion startete bei der Schule in Epgert, welche im März 1945 bereits seit einigen Tagen als Verbandsplatz und dann als Divisionsgefechtsstand für die 272. VGD fungierte. Der Weg führte durch Epgert über Dasbach in das Dasbachtal. Von dort erfolgte der Aufstieg nach Hümmerich und über Krunkel ging es zurück an den Startpunkt. Hierbei wurden die Fronten der Kampfgruppen Loch und Diebitsch durchschritten, an einigen Stellen konnte das wachsame Auge noch Frontstellungen der Kampfgruppe Loch entdecken. Angelangt in Krunkel wurde freudig die Möglichkeit einer Erfrischung angenommen – Jürgen hatte die Gruppe auf ein kühles Bier eingeladen – danach machte der Endspurt gleich mehr Spaß. Nach der Ankunft am Startplatz verlegte die Gruppe zu einem extra angemieteten Grillplatz, wo man sich endlich mit lecker Salaten und reichlich Grillgut und Getränken von der knapp mehr als 10 Kilometer, aber trotzdem rund 4 Stunden dauernden Wanderung erholen konnte. 4 Stunden sind notwendig, da es unterwegs reichlich zu erfahren gibt über die schicksalshafte Zeit der letzten Kriegswochen in der Region.

Feldküche ohne Feldköche, aber mit Feldwebel... Hauptfeld beim Grillen. Danke für den Service! Hauptmann Becker beim Essensempfang, der, wie sich herausstellte, seines Zeichens Feuerwerker bei der Bundeswehr ist und mit dem ich gemeinsame Bekannte habe.

Feldküche ohne Feldköche, aber mit Feldwebel… Hauptfeld beim Grillen. Danke für den Service! Hauptmann Be… beim Essensempfang, der, wie sich herausstellte, seines Zeichens Feuerwerker bei der Bundeswehr ist und mit dem ich gemeinsame Bekannte habe.

Nachdem sich die Kameraden gestärkt hatten, mussten sie mich noch ein weiteres, aber dafür ein letztes Mal ertragen: den Abschluss des Tages sollte ein Vortrag aus dem Leben des Biedenkopfer Altbürgermeisters, meinem im Mai 2004 verstorbenen Freundes Kurt Schwerdt abrunden. So sehr, wie Schwerdt während des Krieges Soldat und Offizier gewesen ist, so sehr hat er sich später mit aller Kraft für Frieden und ein vereintes Europa eingesetzt.

Kurt Schwerdt verlor wenige Wochen nach Beginn des Russlandfeldzuges seine rechte Hand, er blieb als aktiver Offizier im Dienst und wurde als Lehroffizier auf den Truppenübungsplatz Döberitz versetzt, wo sich im Mai 1943 ein Unglück ereignete, durch das er seine verbliebene linke Hand verlor. Als im Herbst 1944 die Bildung des Volkssturmes verkündet wurde, meldete Schwerdt sich freiwillig zurück an die Front und wurde Adjutant in einem Grenadierregiment, mit dem er an der Ardennenoffensive teilnahm und im April 1945 die Kapitulation im Ruhrkessel erlebte. Nach dem Krieg arbeitete er zunächst als Rechtsanwalt bis er 1954 die Amtsgeschäfte des Bürgermeisters von Biedenkopf übernahm. In dieser Amtsfunktion legte er großen Wert auf Verschwisterung und Verbrüderung mit ehemaligen Feinden jenseits der Grenzen. Als Soldat hatte er am eigenen Leib erlebt, wohin falsche Ideale führen können und setzte sich fortan für ein vereintes Europa ein. Während seiner 18jährigen Amtszeit als Bürgermeister von Biedenkopf erfolgten Verschwisterungen mit europäischen Städten, darunter auch die mit La Charite sur Loire in Frankreich.

Für seine Bemühungen wurde ihm 1970 das Europakreuz des Verbandes der Europäischen Frontkämpfers, der “Confederation Europeene des Anciens Combatants” verliehen. Diese hohe und seltene Auszeichnung würdigen die Verdienste um Versöhnung und Freundschaft, mit dem Bestreben, ein geeintes Europa in Frieden und Freiheit zu schaffen.

1985 wurde die Stadt Biedenkopf für ihre hervorragenden Leistungen um die Verbreitung des europäischen Einigungsgedanken mit der Ehrenfahne des Europarates ausgezeichnet. Kurt Schwerdt verstarb im Mai 2007 in seiner Wahlheimat Biedenkopf.

Bürgermeister Schwerdt während der Unterzeichnung der Verschwisterungsurkunde,

Bürgermeister Schwerdt während der Unterzeichnung der Verschwisterungsurkunde.

Ralf Anton Schäfer
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