Kriegsgräberstätte Ittenbach – der Kinderfriedhof

Die Schlacht um den Brückenkopf von Remagen war seit bereits 12 Tagen im Gange und sollte ab dem 19. März 1945 noch weitere, ungeahnte Ausmaße annehmen, die bis zum 25. März ihren absoluten Höhepunkt erreichen würden. Wenn Hundertschaften feindlicher Einheiten aufeinandertreffen, sich gegenseitig bekämpfen, dann bleibt das Sterben nicht aus. Beiderseits schnellten die Verluste angesichts der brutalen Heftigkeit der Gefechte an. Der Tod machte keinen Unterschied und heute liegen sie Seite an Seite. Gleich ob General, Major oder der Gefreite.

 

Hier befand sich eine Fotografie, die auf Wunsch entfernt wurde.

Am Samstag, den 9. März 2019, hatte die Kreisvolkshochschule Altenkirchen zu einer Tagesfahrt unter meiner Leitung ins Friedensmuseum nach Remagen eingeladen. Zuvor aber war ein Stopp in Ittenbach eingeplant. Hier sollte die vierzehn Teilnehmer zählende Gruppe die Kriegsgräberstätte Ittenbach aufsuchen. Bei unserem Eintreffen in Ittenbach wurde die Gruppe bereits durch einen Zeitzeugen erwartet. Der 94 jährige war nicht einfach nur als “Zaungast” anwesend,  im Gegenteil: Als junger Leutnant und Kommandant eines Königstigers, dem schwersten Kampfpanzer zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, hatte es diesen im März 1945 in den Brückenkopf von Remagen verschlagen. Seine Einheit, die 506. schwere Panzerabteilung, sollte am 25. März 1945 noch im Raum Uckerath mit sieben Königstigern zum Einsatz kommen. Angelangt auf der Kriegsgräberstätte sollten die Teilnehmer der Remagener Tagesfahrt erfahren, warum die Kriegsgräberstätte den Beinamen Kinderfriedhof trägt.

Besonders ein kleiner Flecken Erde; eingerahmt durch den Großen Ölberg im Nordwesten, Brüngsberg im Nordosten, dem Löwenberg im Südwesten und der Ortschaft Aegidienberg als südöstliche Begrenzung, war für mehrere Tage lang der Schauplatz von schwersten Kampfhandlungen. Im Herzen dieses Gebietes liegt Laagshof. Nur 500 Meter in östliche Richtung entfernt, erzwangen sich Verbände der 78. US Infanteriedivision (US-ID) am 16. März den Übergang über die Reichsautobahn. Zwei Tage später, in den frühen Morgenstunden zum 18. März 1945, richtete das 18. US Infanterieregiment der 1. US-ID, in Laagshof ihren Regimentsgefechtsstand ein. Nachdem die amerikanischen Verbände im Verlauf des nächsten Tages immer weiter an Richtung Hanfbach vorstießen, übernahm das Sanitätsbataillon den Platz des 18. US Infanterieregimentes und richtete in Laagshof einen temporären Verbandsplatz ein. Die Gefallenen und auf dem Verbandsplatz verstorbene Soldaten wurden auf dem angrenzenden Acker ca. 450 Meter entfernt abgelegt. Während man die toten Deutschen südlich des Weges sammelte, wurden die amerikanischen Toten nördlich des Weges abgelegt, von wo sie durch amerikanische Gräberkommandos auf die Kriegsgräberstätte Henry Chappel in Belgien überführt wurden.

Nachdem die Kampfhandlungen durch den Ausbruch der 1. US Armee am 25. März 1945 für die Gegend unmittelbar beendet waren, blieben in einem Radius von etwa 2 bis 3 Kilometer um Laagshof herum, 22 Zivilisten und dazu mehr als 400 deutsche und 1100 amerikanische Soldaten als Gefallene zurück. Mit der Beisetzung eines deutschen Gefallenen wurde am 26. März 1945 der Grundstein für die heutige Kriegsgräberstätte gelegt. Die Ittenbacher Einwohner bestatteten ihre Toten und hatten damit begonnen, die Gefallenen aus den umliegenden Wäldern zu bergen. Innerhalb der nächsten drei Tage war ein Gräberfeld angelegt worden, auf dem die sterblichen Überreste von etwa 50 bis 60 deutschen Gefallenen beigesetzt worden waren. Derweilen wurden auf der gegenüberliegenden Wegseite noch immer die gefallenen Amerikaner zur Registrierung und dem weiteren Abtransport gesammelt. Da jedoch Ende März die Temperaturen deutlich anstiegen, wurde der Verwesungsprozess der Toten stark beschleunigt. Daher wurde durch die 12. US Armegruppe befohlen, in Ittenbach einen zentralen Sammelfriedhof für die Gefallenen im Frontbereich der 1. US Armee anzulegen.

Kriegsgräberstätte Ittenbach - Foto: Guido Weller, Rettersen.

Kriegsgräberstätte Ittenbach – Foto: Guido Weller, Rettersen.

Am 29. März nahm die 607th Quartermaster Graves Registration Company (Gräberkompanie) in Ittenbach ihre Arbeit auf. 123 Männer unter dem Kommando von sechs Offizieren, dazu mehrere Dutzend deutscher Kriegsgefangene, legten zwei Gräberfelder an, eines für die gefallenen Deutschen, ein weiteres für ihre eigenen Toten. Noch am gleichen Nachmittag trafen erste LKWs mit Gefallenen aus dem Ruhrkessel, Sauerland und dem Harz ein. Die deutschen Gefallenen wurden so bestattet, wie man sie aufgefunden hatte – lediglich nach der Erkennungsmarke hielt man Ausschau, um diese an das Holzkreuz zu nageln. Deutlich größer war der Aufwand bei den gefallenen Amerikanern: Sie wurden registriert, identifiziert, deren Uniformtaschen geleert. Persönliche Dinge, Wertgegenstände und Erkennungsmar­ken kamen in dafür vorgesehene Beutel. Erst danach wurden die Toten in Leichensäcke verpackt und beigesetzt. Benötigte man für einen deutschen Soldaten lediglich wenige Minuten, betrug der Aufwand bei den toten Amerikanern oft mehrere Stunden.

Zeitgleich waren die Ittenbacher Einwohner gemeinsam mit Kriegsgefangenen dazu verpflichtet worden, die Gefallenen aus den angrenzenden Wäldern zu bergen. Unterstütz wurden die Ittenbacher durch amerikanische Pioniere und Soldaten der Gräberkompanie, da sich in den Wäldern große Mengen Munition befanden und man immer wieder auf verlegte Minen stieß. Und Tag für Tag trafen weitere LKWs ein. Am 2. April 1945 wurde General Maurice Rose, der bei Paderborn am 30. März 1945 als Kommandeur der 3. US-Panzerdivision sein Leben verlor, in Ittenbach beigesetzt. Erst nach dem 10 April kamen deutlich weniger Lastwagen mit den Gefallenen; dafür reihte sich jetzt Grab an Grab. Am 23. April wurde das amerikanische Gräberfeld geschlossen, die Masse der Gefallenen der 1. US Armee wurden von nun an auf dem frontnahem Friedhof in Breuna beigesetzt und das deutsche Gräberfeld in die Obhut der Stadtverwaltung von Königswinter übergeben. Bis zu diesem Tag hatte die 607th Gräberkompanie in Ittenbach:

Auf dem amerikanischen Gräberfeld:

             1475 amerikanische Soldaten, die identifiziert werden konnten

                 30 amerikanische Soldaten, welche nicht identifiziert werden konnten

                 34 gefallene Verbündete, die identifiziert werden konnten

                 5 gefallene Verbündete, welche nicht identifiziert werden konnten

zusammen 1544 Gefallene.

Die Beisetzung von General Maurice Rose in Ittenbach am 2. April 1945.

Die Beisetzung von General Maurice Rose in Ittenbach am 2. April 1945. Foto: Ausschnitt aus einer amerikanischen Wochenschau von April 1945. Filmteam des Signal Corps, US Army.


Auf dem deutschen Gräberfeld:

               828 Soldaten, die ausschließlich mit ihrer Erkennungsmarke identifiziert wurden

              134 Soldaten, die keine Erkennungsmarke bei sich trugen.

zusammen 962 Gefallene.

Da jedoch noch immer zahlreich gefallene amerikanische Soldaten im Siebengebirge, dem Ruhrkessel und anderswo aufgefunden wurden, mussten bis über das Kriegsende hinaus, täglich drei Angehörige der amerikanischen Gräberkompanien abgestellt werden, um diese Gefallenen ebenfalls auf dem Ittenbacher Friedhof zuzubetten. Die Zubettungen fanden erst im Juni 1945 ein Ende, denn jetzt ging die amerikanische Führung dazu über, sämtliche Gräber amerikanischer Soldaten umzubetten, da nach deren Sichtweise keiner ihrer Soldaten in deutschem Boden oder weniger als 200 Meter entfernt von einem gefallenen Deutschen bestattet sein sollte. Ittenbach war zu diesem Zeitpunkt der größte von insgesamt neun amerikanischen Sammelfriedhöfen auf deutschem Boden, die allesamt aufgelöst wurden. Die Umbettungsarbeiten in Ittenbach dauerten bis in den August 1946 an, während die acht anderen Friedhöfe zum Teil schon bereits vor Jahreswechsel 1945/1946 restlos verschwunden waren.

Noch während die amerikanischen Gefallenen auf die Kriegsgräberstätte Margraten umgebettet wurden, war man im Siebengebirge dazu übergegangen, die Gefallenen genauer zu identifizieren. Die Amerikaner hatten lediglich die Erkennungsmarken an die zahlreichen Holzkreuze genagelt. Im Sommer 1946 waren keine Hundert der Kriegstoten namentlich bekannt; für die Ittenbacher bedeutete dies nun eine Exhumierung der mittlerweile stark verwesten Leichen, die oft aufs grausamste verstümmelt waren. In mühevoller, jahrelanger Arbeit konnten so hunderte, namenslosen Gefallenen wenigstens ihr Name wiedergegeben werden – und den Angehörigen die traurige Gewissheit, denn unzählige Familien suchten auch noch Jahre nach Kriegsende an ihren Kindern, Vätern, Ehemännern.

Bis in die späten 1940er Jahre, fand auf der Kriegsgräberstätte ein reges hin und her statt. Währen immer wieder Gefallene zufällig in den ehemaligen Fronten gefunden wurden oder aus verstreuten Einzelgräbern in der Umgebung auf dem Gelände zugebettet wurden, erschienen immer wieder Angehörige, die ihren Gefallenen Sohn oder Ehemann zurück in die Heimat holten. Zwischen 1947 und 1949 waren zeitweilig knapp um 2300 Gefallene auf dem Ittenbacher Friedhof beigesetzt. Von diesen wurden etwa 480 Gefallene zurück in die oft weit entfernte Heimat geholt. Oftmals in mühevoller und anstrengender Arbeit, mit Handwagen bis in weit entfernte und abgelegene Gegenden.

Ab 1949 wurde das Gelände durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge komplett umgestaltet, wodurch nun auch endlich Schluss war mit Umbettungen auf Heimatfriedhöfe. Die Arbeiten konnten im Sommer 1951 erfolgreich abgeschlossen werden, allerding erfolgte von Herbst 1959 bis Sommer 1961 eine erneute Umbaumaßnahme, in deren Verlauf wieder 585 Gräber geöffnet wurden, um weiter an der Identifizierung von Unbekannten Soldaten zu arbeiten; mit dem Ergebnis, dass knapp 300 Soldaten identifiziert werden konnten. Heute haben in Ittenbach 1871 Tote des Zweiten Weltkrieges ihre letzte Ruhestätte gefunden:

          1.626 Deutsche
          224 Sowjetbürger
          12 Polen
          4 Niederländer
          2 Belgier
          2 Franzosen
          1 Italiener.

Von diesen 1.626 gefallenen deutschen Soldaten, waren die vier Jüngsten gerade einmal 15 Jahre alt, einer von ihnen ist als Melder gefallen. Dazu kommen drei 16-Jährige. 81 junge Burschen waren gerade eben erst 17 Jahre alt geworden.

Im Alter von 15 Jahren starben:

Blume, Günter, geboren am 29.06.1929, verstorben in Gefangenschaft am 12.06.1945

Heinz Hallen, geboren am 12.05.1929, gefallen am 09.04.1945. Er war Meldegänger bei einer Infanteriekompanie.

Leo Stellberg, geboren am 08.08.1929, verstorben als Angehöriger des Volkssturmes am 13.04.1945 im Reservelazarett zu Attendorn 13.04.1945

Hans Stollenwerk, geboren am 29.05.1929, gefallen im Siebengebirge als Volkssturmjunge am 16.03.1945

Im Alter von 16 Jahren starben:

Hans Nass, geboren am 07.02.1929, verstorben am 24.04.1945 im Lazarett, beigesetzt unter den Unbekannten.

Günther Rekos, geboren am 15.09.1928, gefallen am 06.04.1945 bei Erndtebrück

Heinrich Schnell, geboren am 03.08.1928, gefallen am 09.04.1945

Die letzte Ruhestätte des 17 jährigen Willi Ißleib. Gefallen am 26. März 1945. Foto: Volker R. Schneider, Kreuztal

Die letzte Ruhestätte des 17 jährigen Willi Ißleib. Gefallen am 26. März 1945. Foto: Volker R. Schneider, Kreuztal


Zusätzliches Bildmaterial

Hinweisschild im Eingangsbereich der Kriegsgräberstätte.

Hinweisschild im Eingangsbereich der Kriegsgräberstätte.

Grabstein zweier Unbekannter Soldaten. Foto: Gunnar J.S. Frese, Kausen

Grabstein zweier Unbekannter Soldaten. Foto: Gunnar J.S. Frese, Kausen

Quellenangaben:

  1. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge
  2. Private Aufzeichnungen
  3. After Action Reports, March 1945, 78th US Infantry Division, National Archives, Washington, USA
  4. G-2, Report of Operations, March 1945, 1 US Infantry Division, National Archives, Washington, USA
  5. Unit History – 607th Quartermaster Graves Registration Company, US Army
  6. Generalanzeiger, Regionalausgabe Bonn, 8. Mai 2015

 

Ralf Anton Schäfer

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ich bin als Gründer für diese Seiten verantwortlich.
In den Jahren meiner Recherchen habe ich umfangreich Materialien zusammengetragen zu den Infanteriekämpfen der Endphase im Zweiten Weltkrieg. Der Archivbestand umfasst viele Tausend Seiten und deckt im Groß den Westen für die Zeit von der Landung der Alliierten in der Normandie bis zu den letzten Kämpfen um den Ruhrkessel.
Ralf Anton Schäfer

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