Kriegsende in Siegen

Die Stadt Siegen in einer alliierten Luftbildaufname unmittelbar nach dem Kriegsende.

Das Luftbild wurde im Mai 1945 durch die Alliierten angefertigt und zeigt die schweren Zerstörungen in der Stadt. Seit Ende März hatten sich die deutschen Einheiten in den Trümmern und Ruinen in der Stadt eingegraben und ab dem 31. März 1945 zunächst gegen die Verbände der 1. US Infanteridivision, dann gegen die Einheiten der 8. US.Infanteriedivision gekämpft.

Es kam zu erbitterten Kämpfen um die Übergänge über die Sieg, in deren Verlauf auch Sprengpanzer vom Typ Goliath eingesetzt wurden. Einige der mit am schwersten geführten Kämpfe spielte sich im linken, oberen Bereich des Bildes ab. Dies entspricht auch in etwa dem Einsatzort der Goliath-Sprengpanzer.

Siegen im Luftbild 1945

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Angehörige des 13. US Infanterieregiments der 8th US Infanteriedivision etwa am 6. April 1945 im Raum Siegen.

 

Oberleutnant Gerd Paulsen kann zu dem Einsatz des Sprengpanzers Goliath berichten:

Anfang April wurde in Siegen der Einsatz des Sprengpanzers Goliath aus der Verzweifelung heraus befohlen. Das Kriegsende in Siegen stand umittelbar bevor. Oberleutnant Gerd Paulsen sollte mit einer Handvoll Pioniere und insgesamt drei Goliath-Sprengpanzern die in Siegen angreifenden amerikanische Infanterie aufhalten. Der Einsatz endete mit der Gefangennahme von Paulsen, den Pionieren und der Erbeutung der drei Panzer.

Als Ausgangsstellung war etwa der Bereich Fölzerstraße befohlen. Gerade erst als der erste Panzer startklar war und den Amerikaner entgegen rollte, wurde der Gefechtsstand unter heftiges Infanteriefeuer genommen, so dass man die Kontrolle über den Panzer verlor. Die Deutschen konnten keinen Blick mehr aus der Kellerluke wagen ohne dass ihnen Unmengen feindlicher Geschosse entgegen schlugen. Innerhalb weniger Minuten war der Gefechtsstand durch amerikanisches Feuer blind und gelähmt. Der Spengpanzer stand etwa 75 Meter entfernt auf der Straße (Kampenstraße) – bewegungslos und durchsiebt von zahlreichen Projektilen. Oberleutnant Paulsen erteilte noch den Sprengbefehl, doch passierte nichts.

In der Zwischenzeit räucherten die Amerikaner die umliegenden deutschen Verteidigungsnester aus (2 MG-Stellungen in Kellerräumen, eine Granatwerfereinheit und Infanterie) Danach wurde der Gefechtsstand von drei Seiten unter Feuer genommen. Der Einsatz der verbliebenen 2 Sprengpanzer wurder unmöglich, da es keine Möglichkeit mehr gab, an den LKW heranzukommen, auf dem diese geladen waren.

Jeder Versuch von Widerstand oder Flucht aus dem Kellerraum heraus war zwecklos und wurde mit schweren Feuer beantwortet. Es blieb den Männern keine andere Wahl als zu kapitulieren und den Weg in Gefangenschaft anzutreten.

Alles zusammen dauerte die Aktion nur ca. eine dreiviertel Stunde. Drei Pioniere waren schwer verwundet worden, Oberleutnant Paulsen hatte eine Querschläger abbekommen, die drei Spengpanzer wurden erbeutet. Die 16 Pioniere und Oblt. Paulsen gerieten in alliierte Gefangenschaft. Die Besatzung der umliegenden Verteidigung (Volkssturm, Grenadiere und Artilleristen) hatte schwerere Verluste erlitten, darunter einige Gefallene. Insbesondere wurden die MG-Stellungen mit Gewehrgranaten zum Schweigen gebracht.

Im Bereich nördlich des Güterbahnhofes in Siegen waren bereits seit Mitte März mehrere Dutzend Sprengpanzer Goliath und eine größere Menge Waffen und Munition im Keller eines Trümmergebäudes untergebracht worden.

Diese Einlagerung soll auf Anordnung eines NSDAP-Parteifunktionär aus Siegen erfolgt sein. Er habe damit eine ordentliche Bewaffnung für den Siegener Volkssturm sicherstellen wollen. Was allerdings die Volksstürmler mit den Goliath hätten Anfangen sollen ist absolut unklar, denn der Einsatz und Gebrauch bedurfte doch einer gewissen Ausbildung, welche die Angehörigen des Volkssturmes nicht hatten.

Die Existenz der Goliath-Sprengpanzer wurde auch nur durch Zufall bekannt, als der Abschnittskommandeur Hauptmann Klüser seine Kampfgruppe im Bereich des Bahnhofgeländes zur Verteidigung einweisen wollte. Ein Grenadier soll Klüser gemeldet haben, dass sich im Keller des Hauses, wo er mit seinem MG Stellung beziehen sollte, mehrere Sprengpanzer befinden würden.

Quelle:
Oblt. Gerd Paulsen,
1997 während eines Besuches beim Autor.

Bundesarchivbild: Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Bild 101I-695-0411-05A Polen, Warschau.- Warschauer Aufstand.- Deutsche Infanteristen mit leichtem Ladungsträger (Sprengpanzer) "Goliath"; PK KBZ HG Mitte

Bundesarchivbild: Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Bild 101I-695-0411-05A
Polen, Warschau.- Warschauer Aufstand.- Deutsche Infanteristen mit leichtem Ladungsträger (Sprengpanzer) “Goliath”; PK KBZ HG Mitte

 

Ralf Anton Schäfer