Größter Bombenfund in Augsburg seit Ende des Zweiten Weltkrieges

Zwischen dem 17. August 1940  und dem Kriegsende 1945 wurde Augsburg mehrfach durch britische und amerikanische Luftangriffe heimgesucht. Während bei dem ersten Angriff im Sommer 1940 lediglich sechs Sprengbomben niedergingen, sollte die Stadt im Frühjahr 1944 bei einem Großangriff, der als Flächenbombardement auf Augsburg herabregnete, in einem Flammenmeer untergehen.

Die Nacht vom 25. zum 26. Februar 1944 brachte den größten Luftangriff, den die Stadt erleben würde. Der Angriff galt den Messerschmitt-Werken und dem Hauptbahnhof; große Teile der Augsburger Innenstadt wurden zerstört. In zwei Wellen stürzten seit 14 Uhr des 25. Februars zuerst rund 200 amerikanische Flugzeuge auf Augsburg nieder. Sie brachten 370 Tonnen Sprengbomben und 134 Tonnen Brandmittel zum Einsatz. Während der folgenden Nacht stieß die zweite Welle auf die Stadt nieder. Bei der so genannten „Bombennacht“ warfen britische und amerikanische Flugzeuge 250.000 Stabbrandbomben, 45.000 Phosphorkanister, 12.000 Flüssigkeitsbomben und 240 Sprengbomben ab. Über eine Stunde lang dauerte der Angriff in der Nacht, erst dann kehrte eine gewisse Art von Stille ein. Wer aus Keller oder Luftschutzbunker herauskam, dem bot sich ein Bild des Schreckens. Brände überall. Das historische Augsburg war ausgelöscht worden.

Der 25./26. Februar 1944 kostete 730 Menschenleben, dazu wurden weitere 1.335 Personen verletzt. Rund 85.000 Augsburger verloren ihr Hab und Gut und wurden obdachlos, beinahe ein Viertel aller Wohnungen waren ein Opfer der Flammen.

Bei minus 18 ° Celsius waren die Löscharbeiten der 246 Großbrände und weiterer 820 kleinere Brände durch zugefrorene Hydranten extrem erschwert. Viele Wasserleitungen waren durch die Bomben zerfetzt. Auf einigen Dachstühlen kam es immer wieder zu Detonationen von Stabbrandbomben, die über einen Sprengsatz verfügten, welcher die Löscharbeiten behindern sollte. Die Brände wüteten vor allen Dingen in der Innenstadt.

Die, die damals dabei waren, werden es niemals vergessen. Den Geruch, den Rauch, den Lärm, die Angst! Heute und zum ersten Weihnachtstag kehrt die Angst wieder zurück! Wenn etwa 32.000 Haushalte evakuiert werden müssen, da Gestern während Bauarbeiten in der Jakoberstraße in Augsburg ein britischer Bombenblindgänger gefunden wurde. 32.000 Haushalte stehen für rund 54.000 Menschen, denen wenigstens der erste Weihnachtsfeiertag nun ordentlich vermiest wird. Sie müssen raus aus ihren Häusern und den Wohnungen. Von der Evakuierung, die sicherlich zu den größten Bundesweit gehört, sind Senioren- und Studentenheime betroffen und Patienten des Vinzentinums müssen in Sicherheit gebracht werden. Ein Sicherheitsbereich von 1.500 Metern rund um die Bombe wird für die Entschärfung benötigt, in diesem Sicherheitsbereich befinden sich dann nur noch der bzw. die Mitarbeiter des Munitionsbergungsdienstes und die Bombe.

Offizielle Stimmen

Während der Pressekonferenz wurde bestätigt, dass es sich um einen Bombenblindgänger von 3600 Kilogramm Gewicht handelt. Oberbürgermeister Kurt Gribl betonte im Anschluss, dass man sich in einer „außergewöhnliche Lage“ befindet, dennoch besteht kein Grund zur Panik. Obwohl der Blindgänger die größte Fliegerbombe ist, die je in der Nachkriegszeit in Augsburg gefunden wurde, so ist sie bei den geschulten Feuerwerkern des Landes Bayern in guten Händen. Das Land Bayern unterhält im Auftrag des bayrischen Innenministeriums zwei Räumdienste, welche aufgefundene Kampfmittel kostenfrei unschädlich macht und beseitigt.

Britische Soldaten beladen eine Avro-Lancaster mit einer 8.000 lb HC Bombe. Foto: CH 10941, Imperial War Museums.

Britische Soldaten beladen eine Avro-Lancaster mit einer 8.000 lb HC Bombe. Foto: CH 10941, Imperial War Museum, London.

Der Blindgänger – eine so genannte 8000 Lb High Capacity Bomb Mk I-II

8000 Lb entsprechen rund 3600 Kilogramm. Bei dem Bombentyp handelt es sich um eine Luftmine, die ganze Häuser(zeilen) verwüsten kann. Schlug die Bombe auf, kam es unvermittelt zur oberflächennahen Zündung, ein Krater oder ein Bombentrichter entstand höchst selten. Durch den extrem hohen Detonationsdruck zerbarsten sämtliche Fenster und ganze Dächer wurden abgedeckt, Zimmerwände konnten eingedrückt werden. Die um ein vielfach stärkere Druckwelle im Gegensatz zu regulären Sprengbomben zerstörte im Umkreis von ca. 100 Metern jedes Gebäude; bei Detonation in freiem Gelände riss die Druckwelle in einer Entfernung von 1000 Metern Türen heraus und Fensterscheiben zersplitterten noch in etwa 2000 Metern Entfernung. Die Trümmer machten ganze Straßenverläufe unpassierbar, den Opfern ließ die Druckwelle die Lunge platzen. Die herbeigeführten Zerstörungen waren Basis für die Abwürfe der nachfolgenden Flugzeuge, die meist kleinere Spreng- und Brandbomben mitführten. Die fehlenden Dächer und Fenster führen zu einer Sogwirkung, wie es bei einem Kamin der Fall ist; wodurch beste Vorrausetzungen geschaffen wurden, um noch größere Verwüstungen durch die Brandbomben herbeizuführen.

Vom Bombentyp 8000-lb HC Mk I-II wurden zwischen 1942 und 1945 insgesamt rund 1150 Stück zum Einsatz gebracht. Die Länge über alles beträgt knapp 340 cm, wovon auf den reinen Sprengkörper 241 cm entfallen. Der Durchmesser beträgt etwa 96 cm. Das Füllgewicht des Sprengstoffes beträgt entweder 2.430 Kilogramm Amatex 9 oder 2.650 Kg Torpex II. Die drei Zünder sind am vorderen Ende der Bombe verbaut und sprechen auf Druck an, es sind so genannte Aufschlagzünder vom Typ Pistol No. 27, 42 oder 44.

Die Bombe wurde durch Flieger des Types „Lancaster“ abgeworfen.

Aufbau der Bombe mit Angabe zu Farbmarkierungen und weiteren Details. Quelle: British Bombs and Pyrotechnics 1944, Ammunition Manuals , US Army. National Archives, Washington DC.

Aufbau der Bombe mit Angabe zu Farbmarkierungen und weiteren Details. Quelle: British Bombs and Pyrotechnics 1944, Ammunition Manuals , US Army. National Archives, Washington DC.

 

Ladeschema: 1 x 8,000 lbs HC und bis zu 6 Stück 500 lbs Sprengbomben mit Aufschlag- oder Verzögerungszünder.

 

Wortlaut des Gefechtsberichtes des Royal Air Force Bomber Command für den 25./26. Februar 1944. Quelle National Archives, London.

Wortlaut des Gefechtsberichts des Royal Air Force Bomber Command für den 25./26. Februar 1944. Quelle National Archives, London.

Ralf Anton Schäfer

Ralf Anton Schäfer

Hallo,
ich bin als Gründer für diese Seiten verantwortlich.
In den Jahren meiner Recherchen habe ich umfangreich Materialien zusammengetragen zu den Infanteriekämpfen der Endphase im Zweiten Weltkrieg. Der Archivbestand umfasst viele Tausend Seiten und deckt im Groß den Westen für die Zeit von der Landung der Alliierten in der Normandie bis zu den letzten Kämpfen um den Ruhrkessel.
Ralf Anton Schäfer

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3 thoughts on “Größter Bombenfund in Augsburg seit Ende des Zweiten Weltkrieges”

  1. Sehr geehrter Herr Schäfer, was Sie innerhalb weniger Stunden aus ihrem reichhaltigen Archiv an Informationen zusammengetragen haben, ist beeindruckend. Ein wertvolles Dokument der Zeitgeschichte über diese verheerenden Tage für Augsburg. Vielen Dank!

  2. Wie heute zu erfahren war, handelt es sich bei dem Bombenblindgänger um den kleineren Typ 4000 lb HC. Was jedoch nichts an der Tatsache ändert, dass in Augsburg eine verdammt große Bombe „rumliegt“ und diese entschärft werden muss.

    Die beiden Bombentypen unterscheiden sich im Groben „lediglich“ darin, dass die HC 4000 „nur“ zwischen 1348 und 1503 Kilogramm Sprengstoff enthält, während es die 8000er auf 2446 bzw. 2669 Kg Sprengstoffanteil bringt. Die unterschiedlichen Gewichtsangaben basieren auf den verschiedene Arten von Sprengstoff, die in den Bomben Verwendung fanden.

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