Exkursion 5 – Der Giebelwald als Frontgebiet im April 1945

Ende März 1945 stießen die Amerikaner an die Sieg vor und überschritten an verschiedenen Punkten den Fluss und bildeten Brückenköpfe. Von Kirchen zielte der amerikanische Vormarsch über Grindel-Brühlhof nach Freusburg. Nachdem Freusburg eingenommen war, verstrickten sich die Amerikaner auf dem Giebelwald in heftige Waldgefechte, die bis zum 6/7. April 1945 andauerten. Unsere Exkursion führte durch das damalige Frontgebiet und machte den Teilnehmern deutlich, wie sich die schicksalshaften Tage auf dem Giebelwald ereigneten.

In der Nacht zum 1. April wurde Kirchen von Herkersdorf-Offhausen gegen geringen Widerstand erobert, im restlichen Tagesverlauf wurde Kirchen gesichert und Patrouillen bis an die Sieg geschickt. Im Schutz der Dunkelheit richteten sich amerikanische Posten bei der Freusburger Mühle ein, wo während der nächsten Tage jede Bewegung nur noch unter größter Lebensgefahr möglich war. Am 2. April wurde der Vorstoß nach Freusburg vorangetrieben, das jedoch erst am 3. April restlos erobert war. Nach dem Fall Freusburgs wurde der tiefe Einbruch auf den Giebelwald unternommen. Die Kriegstagebücher des 28. US Infanterieregiment geben ein Bild von den Ereignissen etwa wie folgt:

“…Die Kompanien standen seit Beginn der Kämpfe fast ununterbrochen im Dauereinsatz. Nachdem sie in den Giebelwald vordrangen waren und gleich zu Beginn erste Verluste hatten, gingen sie nur noch sehr vorsichtig vor, besonders auch deshalb, weil praktisch hinter jedem Baum ein deutscher Heckenschütze lauern konnte. Angst war von nun an ein ständiger Begleiter der Soldaten. In den Nachtstunden zum 3. April 1945 erhielten die Kompanien des I. Bataillons den Befehl zum Vorstoß auf die beherrschenden Höhen des Giebelwaldes. Hierzu sollte die Able-Kompanie von Freusburg aus auf den Hellbachskopf vorstoßen und von dort aus den Giebelberg einnehmen. Um 2.25 Uhr marschierte die Kompanie los und erhielt bereits im Raum Freusburg heftiges Feuer durch Artillerie- und Granatwerferbeschuss, wobei die Kompanie erste Verluste hinnehmen musste. Nachdem die Verwundeten versorgt und zurückgeholt worden waren, wurde der Vormarsch wieder aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt verlor die Kompanie allerdings die Orientierung und irrte durch die Wälder, zusätzlich war die Funkverbindung zum Bataillon abgerissen. Der Bataillonskommandeur erkundigte sich um 3.45 Uhr bei den Kompanien Baker und Charly und erhielt die Rückmeldung, dass alles ruhig sei und auch aus der Richtung, in der sich die Able-Kompanie befinden müsste, keine Geräusche eines Feuerkampfes zu hören seien. Erst um 5.23 Uhr konnte die Kompanie die Verbindung zum Bataillon wieder herstellen und gab die Meldung durch, dass man nirgends auf nennenswerten Widerstand gestoßen und auf dem Weg zum Hellbachskopf unterwegs sei. Zu dieser Zeit führte die Charly-Kompanie bereits ihre Säuberungsaktion in Freusburg durch und hatte mittlerweile rund 40 Gefangene eingebracht. Um 7.30 Uhr hatte die Able-Kompanie noch immer nicht ihr Ziel erreicht und lag bereits weit hinter dem Zeitplan…”

Giebelwald

Der Giebelwald als Frontgebiet im April 1945 – Skizze wurde durch Generalleutnant Hans-Kurt Höcker, dem damaligen deutschen Divisionskommandeur, in alliierter Kriegsgefangenschaft angefertigt.

Erst als am 3. April der Rest von Freusburg erobert war, konnte der Vogelsang, das gesetzte Ziel des Vortages, nach zum Teil recht heftigen Gefechten erreicht werden. Unsere Exkursion führte am 25. April 2015 von Freusburg aus über den Vogelsang bis zur Wasenecke. Begleitet wurde die Runde von Verena Hallermann für die Rhein-Zeitung und durch Rainer Schmitt für die Siegener-Zeitung, die beide in der folgenden Woche über diesen Ausflug in die Geschichte berichten sollten. Geplant war eine Strecke von ca. 5,5 Kilometer, da wir aber immer mal wieder die Wege verließen, kamen wir letztendlich auf gut 8 Kilometer Wegstrecke. Mit dabei waren gleich mehrere Personen, die sich  noch genauestens an das Kriegsende vor 70 Jahren erinnern konnten und denen die Wanderung, die immer mal wieder “querfeldein” führte, nicht zu anstrengend war. Einstimmig wurde mir später von den Zeitzeugen bestätigt, dass man nur zum Teil über die Kämpfe bescheid wusste und durch die Exkursion viele unbekannte Details erfahren habe. Älteste in der Runde war Frau Renate Thiel, die 1945 in der Nähe von Freusburger Mühle wohnte und mit vielen interessanten Details beigetragen hat.

Der Weg führte erst mal ziemlich steil raus aus der Ortschaft vorbei an kaum noch erkennbaren Resten von deutschen Schützenmulden und an einer Stelle, an welcher deutsche Granatwerfer den Feuerkampf der Infanterie unterstützten. Als wir endlich den Aufstieg zum Vogelsang hinter uns gebracht hatten, stießen wir auf die Spuren eines Sondengängers, der ein großes Loch abseits des Weges hinterlassen hatte. Über das, was dort über Jahrzehnte im Verborgenen gelegen hatte, können wir nur noch spekulieren. Auf der Höhe hatten sich 1945 die deutschen Soldaten eingegraben und mussten von den Amerikanern in verlustreichen Gefechten bekämpft werden. Nach der Eroberung des Vogelsangs, wo sich auch ein vorgeschobener Gefechtsstand befunden hatte, entdeckte niemand der amerikanischen Soldaten den noch immer funktionsfähigen Feld-Fernsprecher mit Leitung nach Niederfischbach. Hätte man dort die Meldungen und Befehle abgefangen, wären sicherlich die Gefechte anders, vielleicht weniger blutig zu Ende gegangen.

Leutnant Klaus Morré 1925-1945

Leutnant Klaus Morré
1925-1945

Weiter ging es zum Teil entlang der Route, welche 1945 die Able-Kompanie genommen hatte, wir aber liefen nicht nach Hellbachskopf. Etwa im Bereich von der so genannten Totenbuche schilderte ich die Ereignisse, die zum Tod des jungen Leutnant Klaus Morré am 4. April 1945 führten. Morré war von Niederfischbach aus als Führer eines Spähtrupps in Richtung Freusburg losgeschickt worden. Hier sollte er mit zwei Soldaten die amerikanischen Stellungen im Bereich von Vogelsang und Freusburg erkunden. Noch vor erreichen des Zielgebietes stießen sie auf eine amerikanische Patrouille, die man passieren ließ, um den Auftrag fortzuführen. Wenig später aber erhielt die kleine Gruppe heftiges Feuer vom Vogelsang, der sich zu diesem Zeitpunkt bereits in amerikanischer Hand befunden hatte. Hierbei wurde Morré schwer verwundet. Im Bereich von Wasenecke wollten die beiden Soldaten dem Leutnant erste Hilfe leisten, was jedoch durch erneut aufflammendes Feuer verhindert wurde. Morré verstarb im Alter von 19 Jahren. An seinen Tod erinnert heute noch ein Holzkreuz am Wegesrand. Noch während ich diese Ereignisse schilderte, fand einer der Teilnehmer, Karl Stark aus Kirchen, eine abgefeuerte Patronenhülse, die sich als amerikanische Kaliber .45-Hülse identifizieren ließ. Bei dieser Munition handelt es sich um das Standard-Kaliber der amerikanischen Maschinenpistole und Faustfeuerwaffe. Ob man diese Hülse den Schüssen zuordnen kann, welche Klaus Morré und seinen Begleitern galten, dürfte fraglich sein.

Heute erinnert das Holzkreuz an das Schicksal des jungen Leutnant Klaus Morré. Zur letzten Ruhe wurde Klaus Morre auf der Kriegsgräberstätte in Freudenberg beigesetzt.

Heute erinnert das Holzkreuz an das Schicksal des jungen Leutnant Klaus Morré. Zur letzten Ruhe wurde Klaus Morre auf der Kriegsgräberstätte in Freudenberg beigesetzt. Foto Gerd Braas, Niederfischbach.

Der weitere Weg führte zum Gedenkkreuz für den gefallenen Morré, im Anschluss ging es bis zur Höhe Wasenecke, wo sich 1945 noch ein amerikanischer Beobachtungsposten befunden hatte. Unser Rückweg führte etwas östlich zum Hinweg vorbei an dem Todesort eines gefallenen aber unbekannten amerikanischen Soldaten. Gräberkommandos der amerikanischen Streitkräfte hatten den durch Artilleriegranate zerfetzten Körper im Sommer 1945 entdeckt. Alle Bemühungen, den Gefallenen zu identifizieren schlugen fehl, da die Erkennungsmarke nicht gefunden wurde. Dieser Gefallene ruht heute als Unbekannter Soldat auf dem Soldatenfriedhof Margraten in den Niederlanden, wo die Masse der in unserer Region gefallenen Soldaten beigesetzt wurden.

Die folgenden Fotografien stammen alle von Frau Verena Hallermann.

Exkursion Giebelwald (1)_Größenveränderung

Auf dem Vogelsang bei Freusburg – eine aus keltischer Zeit stammende Erz-Schürfstelle war im April 1945 als Unterstand eines deutschen Gefechtsstandes verwendet worden. Nach dem die Amerikaner diese Stellung erobert hatten, blieb der vorhandene Feld-Fern-Sprecher unentdeckt.

In der Nähe der so genannten Totenbuche spielten sich mehrere Gefechte zwischen deutschen und amerikanischen Truppen ab.

In der Nähe der so genannten Totenbuche spielten sich mehrere Gefechte zwischen deutschen und amerikanischen Truppen ab. Dritter von Links: Herbert Dietershagen aus Niederfischbach konnte über Funde von Kampfmitteln und Ausrüstung aus den letzten Jahrzehnten berichten.

Die von Karl Stark gefundene, abgefeuerte Patronenhülse im Kaliber .45

Die von Karl Stark gefundene, abgefeuerte Patronenhülse im Kaliber .45

Ich fand diesen Zufallsfund kaum fassbar, die Freude war anschließend natürlich um ein vielfaches größer, als Karl Stark mir die Hülse zum Geschenk machte.

Ich fand den Zufallsfund kaum fassbar, die Freude war anschließend natürlich sehr viel größer, als Karl Stark mir die Hülse zum Geschenk machte.

Am Todesort des Leutnant Morrés angelangt. Die tödliche Verletzung war durch einen Durchschuss im Bereich der rechten Niere hervorgerufen worden. Morré war Kraftlos in sich zusammengesackt. Seine Begleiter, die Soldaten Fischer und Fißmer, versuchten noch erste Hilfe zu leisten, jedoch kam diese zu Spät.

Am Todesort des Leutnant Morrés angelangt. Die tödliche Verletzung war durch einen Durchschuss im Bereich der rechten Niere hervorgerufen worden. Morré war Kraftlos in sich zusammengesackt. Seine Begleiter, die Soldaten Fischer und Fißmer, versuchten noch erste Hilfe zu leisten, jedoch kam diese zu Spät.

Quellen:

Unit Journal, April 1945, 28th Infantry Regiment, 8th Infantry Division

G2-Reports, April 1945, 28th Infantry Regiment, 8th Infantry Division

Bataillons Report, April 1945, 310th Infantry Regiment, 78th Infantry Division

Interviews mit verschiedenen deutschen und amerikanischen Veteranen.

Ralf Anton Schäfer

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In den Jahren meiner Recherchen habe ich umfangreich Materialien zusammengetragen zu den Infanteriekämpfen der Endphase im Zweiten Weltkrieg. Der Archivbestand umfasst viele Tausend Seiten und deckt im Groß den Westen für die Zeit von der Landung der Alliierten in der Normandie bis zu den letzten Kämpfen um den Ruhrkessel.
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