Marine im Bodenkampf

Marinesoldaten wurden auch Bodenständig eingesetzt

Mein Großvater Willi Esch. 1924-1989

Mein Großvater Willi Esch. 1924-1989

Da mein schon vor vielen Jahren verstorbener Großvater während des Zweiten Weltkrieges in der Kriegsmarine diente, hat er immer gerne und auch viel von seiner Zeit auf See erzählt. Er hatte sich 1941 bereits vor seiner Einberufung zum Kriegsdienst freiwillig zur Marine gemeldet, da er dachte, dass es für ihn dort auf See viel sicherer sein würde, als beispielsweise im Infanteriekampf an der Front. 1944 war er schließlich zum Steuermann auf einem Marinefährprahm befördert worden und war in Griechenland in Saloniki stationiert.

Aufgrund der Erklärung der Bulgaren, dass sie ab August 1944 vom Deutschen Reich unabhängig sein würden und der am 9. September 1944 erfolgten Kriegserklärung, kam es zu einer bedrohlichen Lage der deutschen Verbände in Griechenland, die nun drohten eingekesselt zu werden. Denn zur gleichen Zeit stieß die Rote Armee mit starken Kräften durch Rumänien vor und die 3. Ukrainische Front, unter dem Kommando von Marschall Tolbuchin, konnte aus dem Raum Bukarest über die Donau übersetzen und gemeinsam mit den bulgarischen Verbänden in Mazedonien eindringen. Mazedonien allerdings war ein lebenswichtiger Korridor der Heeresgruppe E, den es unbedingt galt, für die Rückzugsbewegungen offenzuhalten. Dadurch wurde die gesamte Ostflanke der Heeresgruppe von Saloniki bis nördlich der Donau auf das heftigste bedrängt.  Da sich die Ereignisse überstürzten und es zu dem Zeitpunkt keine reguläre, stabile und durchgehende Frontlinie existierte, war es notwendig aus den verschiedensten Wehrmachtsteilen im Heeresgruppenbereich Einheiten zusammenzustellen, um wenigstens im Ansatz eine HKL bilden und einen Rückzug antreten zu können. Dazu wurden in erster Linie die in Griechenland liegenden Truppen ausgekämmt und abgezogen – die Räumung Griechenlands hatte damit begonnen.

Großes Glück im Unglück war der Umstand, dass die Rote Armee mit ihren Hauptkräften auf Belgrad und Ungarn gerichtet vorstieß, gegen Serbien und Mazedonien wurden auf sowjetischer Seite die Bulgaren und die verbündete Tito-Armee eingesetzt. Den in Griechenland stehenden deutschen Verbände war bewusst, dass mit der Bedrohung von Serbien und Mazedonien jederzeit der einzige Rückzugsweg von Saloniki über Skoplje, Kraljevo nach Belgrad hätte abgeschnitten werden können. Dann wäre es zur Einkesselung und vermutlich totalen Zerschlagung aller Kräfte gekommen.

Karl Hnilicka hält in seinem Buch „Das Ende auf dem Balkan 1944/45“ auf Seite 86 fest:

3. Die Räumung Griechenlands und die schweren Abwehrkämpfe in Mazedonien

und Südserbien vom 3.10. 44 bis 1.12.1944

Die am 3. 10. 44 befohlene „große Absetzbewegung“ vollzog sich mit der Präzision eines Uhrwerkes, obwohl die Masse der Soldaten keinen festgefügten Verbänden, sondern einzelnen Festungsbataillonen, Luftwaffen- und Marine-Truppenteilen angehörte. Das nie für möglich gehaltene geschah: Die Besatzung einer Riesenfestung, scheinbar zur Unbeweglichkeit verurteilt, setzte sich mit fast allen ihren Waffen in Marsch und zog als wandernder Kessel, auf einer einzigen Straße, über hohe Pässe in beschleunigtem Tempo 1500 km nach Norden. Sie schafften bis zu 25 km im Tagesdurchschnitt. Die Eisenbahn leistete Hervorragendes. In überschlagendem Verfahren brachte sie nach wohldurchdachtem Plan die jeweils letzten Marschverbände in den Raum Saloniki. Die Nachhuten wehrten den nachdrängenden Gegner erfolgreich ab. Pioniere und Eisenbahnpioniere zerstörten die Kunstbauten und zahlreiche militärisch wichtige Objekte, soweit sie noch nicht durch angloamerikanische Flugangriffe zerstört worden waren. Die besonders in der zweiten Oktoberhälfte aufgrund einer Wetterverbesserung scharf auflebende englische Jabo-Tätigkeit erforderte straffe Marschdisziplin und immerwährende Aushilfen zur Beseitigung der eingetretenen Zerstörungen und zum Ausgleich der Verluste. Die Vorausstaffelung der westlich des Pindos-Gebirges zurückgehenden Kräfte blieb erhalten. Sie ermöglichte ein vollständiges Herausziehen der 104. Jäger-Division über Bitolj nach Veles. Während demnach Valona bereits am 12. 10. 44 aufgegeben werden konnte, wurde Saloniki erst am 30. 10. 44 geräumt. Ohne nennenswerten Feinddruck überschreiten die Nachhuten in der Nacht vom 1./2. 11.44 die griechisch-mazedonische Grenze. In Albanien war bereits eine neue Front in der Linie Durazzo—Elbasan aufgebaut…

Zum Zeitpunkt des Rückmarsches verfügte die Heeresgruppe E über rund 350.000 Soldaten und etwa 10.000 Fahrzeuge, unter dem Kommando des Admirals der Ägäis befanden sich rund 33.000 Angehörige der Kriegsmarine in Griechenland. Mein Großvater war nur einer von ihnen.

Rückzugsweg meines Großvaters aus Saloniki im Herbst 1944. Am 4. Januar 1945 hatte er die Kroatischen Stadt Brod erreicht, zu diesem Zeitpunkt war er bereits der 41. Festungsdivision unterstellt. Karte aus dem Buch

Rückzugsweg meines Großvaters aus Saloniki im Herbst 1944. Am 4. Januar 1945 hatte er die Kroatischen Stadt Brod erreicht, zu diesem Zeitpunkt war er bereits der 41. Festungsdivision unterstellt. Karte aus (1)

Wir wissen nicht viel aus den Kriegserzählungen meines Großvaters, bekannt ist jedoch, dass er das Leben als Marinesoldat wegen der Schiffe und der großen Freiheit auf hoher See geliebt hat, von dieser Zeit hat er gerne gesprochen. Jedoch über die Zeit nach dem Zusammenbruch der Heere im Osten hat er nie viel erzählt, zu schrecklich müssen die Erlebnisse gewesen sein, denn nachdem die Marine ihre Schiffe im Hafen von Saloniki versenken musste, war er genau wie seine Kameraden der Infanterie gezwungen, den langen Weg nach Hause über Land anzutreten. Den Umständen nach dürfte die Einheit meine Großvaters zu den letzten Truppenteilen gehört haben, die Saloniki verlassen haben. Später wurde er der 41. Festungsdivision unterstellt. Obwohl die Soldaten der Marine für den Seekrieg ausgebildet waren, wurden sie nun auf dem Balkan als reguläre Infanterie eingesetzt. Dort tobten heftige Kämpfe, die viele von den unerfahrenen Marinesoldaten nicht überlebt haben. Immer wieder wurden sie von Parisanenverbänden angegriffen, so dass sie sich Tagsüber teilweise verstecken und nur Nachts marschieren konnten.

Rückmarsch deutscher Soldaten aus Griechenland. Bild aus (1)

Mein Opa überstand glücklicherweise den langen Weg von Griechenland bis nach Norddeutschland, von wo er nach kurzer britischer Gefangenschaft bereits im  Juli 1945 nach Hause zurückkehren durfte. Wieder Zuhause erfuhr er vom Schicksal seines Vaters, der als Volkssturmmann noch in buchstäblich letzter Stunde im Brückenkopf von Remagen gefallen ist.

Rückmarsch deutscher Soldaten aus Griechenland

Rückmarsch deutscher Soldaten aus Griechenland. Bild aus (1)

Auch im Brückenkopf von Remagen wurden wegen dem herrschendem Kräftemangel Marinesoldaten in großer Anzahl eingesetzt. Als Beispiel hierfür sollte die Kampfgruppe Dänemark erwähnt werden., dass in ihren Reihen ein nahezu komplettes Marineausbildungsbataillon aus Dänemark mit in den Brückenkopf brachte. In den Kriegstagebüchern der 1. US Infanteriedivision wurde immer wieder erwähnt, wie die deutschen Divisionen im Remagener Brückenkopf durch Marine-Personal aufgefüllt wurden.

Hat Jemand von Euch auch schon einmal etwas über Angehörige der Marine gehört, die hier bei uns gekämpft haben? Vielleicht hat auch der eine oder andere Sondengänger bereits schon einmal etwas gefunden, was auf die Anwesenheit der Kriegsmarine zurückzuführen ist?

Zu meinem Geburtstag wurden mir ein Paar schöne Knöpfe der Kriegmarine geschenkt.

Zu meinem Geburtstag wurden mir ein Paar schöne Knöpfe der Kriegmarine geschenkt.

Quellenangabe:

(1) Endkampf auf dem Balkan, Erich Schmidt-Richberg, Heidelberg 1955

(2) Das Ende auf dem Balkan 1944/45, Karl Hnilicka, Göttingen 1970

(3) Kriegstagebuch der Heeresgruppe E, Herbst 1944, Nationalarchiv Washington, USA

Rebecca

Rebecca

Hallo Welt,

Ich bin die Rebecca und studiere Kulturwissenschaften mit dem Fachschwerpunkt Geschichte und habe ebenfalls an den Arbeiten zu unserem Buchtitel "Das Kriegsende in der Heimat" mitgewirkt.

Die Thematik "Kriegsende an der Sieg" interessierte mich durch Ahnenforschung. Mein Urgroßvater wurde im Februar 1945 als Angestellter bei der I.G. Farben AG Leverkusen in den deutschen Volkssturm eingezogen.
Da er bereits 44 Jahre alt war und über keinerlei soldatische Ausbildung verfügte, ist er nach nur kurzer Zeit, bei den schweren Kämpfen um Uckerath, bei Striefen gefallen.
Beigesetzt wurde er zunächst in Striefen an der Kapelle, musste allerdings bereits im Herbst 1945 umgebettet werden, da die Amerikaner Angst vor aufkommenden Seuchen hatten. Seither liegt er in Leverkusen auf dem Kriegsgräberfeld, wohin ihn mein Großonkel selbst umbetten musste.

Aus diesem Grund bin ich an allem interessiert was mit dem Thema Volkssturm zu tun hat und freue mich über sämtliche Informationen, die ich erhalten kann.
Rebecca

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