Volkssturm Altenkirchen

Auch der Altenkirchener Volkssturm musste kurz vor Kriegsende noch blutige Verluste hinnehmen. Während sich an den meisten Orten die Angehörigen der in letzter Stunde zusammengekratzten Jungs und alten Männer buchstäblich um „fünf vor zwölf“ noch absetzen konnten, wurden Teile des Altenkirchener Volkssturmbataillons noch in den Strudel der Kämpfe hereingerissen. Leider gibt es hierzu nur wenige Belege. Eine Beurteilung über ein bei Weyerbusch der kämpfenden Truppe zugeführten Bataillon möchten wir hier wiedergeben:

Carl_Püchler

General Carl Püchler: “ Reinbuttern, wer greifbar ist!“

Am 23. März 1945 traf in Weyerbusch ein im Raum Altenkirchen zusammengezogenes Volkssturmbataillon ein. Wahrscheinlich handelte es sich hierbei um die auf Befehl von General Carl Püchler zusammengezogenen, wehrfähigen Männer aus der Umgebung Altenkirchen-Stürzelbach. Püchler war Kommandeur des LXXIV. Armeekorps und hatte seinen Korps-Gefechtsstand in Stürzelbach einquartiert. Spricht man mit Veteranen, die ihm im März 1945 unterstellt waren, so erfreute sich Püchler keiner großen Beliebtheit. Püchler soll nach dem Grundsatz „Reinbuttern, wer greifbar ist“ befohlen und gehandelt haben. Auffangkommandos, die durch Püchler mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet waren, taten ihr übriges, um dessen Befehle in die Tat umzusetzen. So wurden noch unmittelbar kurz vor Kriegsende noch Hundertschaften in den sinnlosen Tot getrieben.

Das Volkssturmbataillon war in der Nacht zum 23. März bei Weyerbusch dem II. Bataillon des Panzergrenadierregiments 29 (3. Panzergrenadier Division) unter der Führung von Hauptmann Kurt Ahlers unterstellt worden. Hauptmann Ahlers berichtete über die Moral und den  Ausbildungsstand der Jungs und alten Männer:

  „…völlig mürrische kampfunlustige Soldaten, deren Kampfwert nach Urteil des Volkssturm-Bataillonsführers gleich Null ist, lediglich mit Schanz- und Tarnaufgaben vertraut – Teile haben bisher am Rhein geschanzt – ausgerüstet mit italienischen und französischen Gewehren und MG 15.

Alter der Kompanieführer liegt bei 61, 59 und 52 Jahren. Durchschnittsalter der Volkssturmsoldaten ist 40 Jahre. Nur wenige Junge haben eine infanteristische Ausbildung erhalten. Handhabung der Panzerfaust in Masse unbekannt. Zwei MG-Schützen wissen nicht in der Handhabung ihres MG Bescheid. In der Zuweisung solcher Bataillone besteht kein Grundstock für eine neu aufzubauende Kampflinie. Ein geschlossener Einsatz des Bataillons ist unmöglich, es wird beabsichtigt, die Kompanien in die Kampfgruppen der 3. Panzergrenadier-Division aufzuteilen.“

So sah Hitlers letztes Aufgebot aus. Alte Männer bei der Vereidigung. (c) Bundesarchiv Bildsignatur 146-1978-087-24.

So sah Hitlers letztes Aufgebot aus. Alte Männer während der Vereidigung.
(c) Bundesarchiv Bildsignatur 146-1978-087-24.

Alles im Zusammenhang mit dem Volkssturm war mit größten Schwierigkeiten verbunden. So wird zum Beispiel betreffend der Ausbildung angegeben: „Es standen kaum Karabiner, keinerlei Maschinengewehre und keinerlei Panzerfäuste für die Ausbildung zur Verfügung. Erst ab Ende Januar wurde in der letzten Ausbildungsstunde vor dem Einsatz MG und Panzerfaust gezeigt, allerdings nicht im Schuss. Die Schießausbildung wurde oftmals nur mit Kleinkalibergewehren durchgeführt und war in keiner Weise mit dem realen scharfen Schuss, wie er aus einem Karabiner ausgelöst wird, zu vergleichen.“

Leider konnte dieses Volkssturmbataillon nicht näher identifiziert werden, jedoch ließ sich der Weg dieser Kampfgruppe unter Hauptmann Ahlers in der Zeit vom 23.3. bis 27.3.1945 nachvollziehen. So kam die Kampfgruppe Ahlers über Weyerbusch nach Irsen, von dort von Ölsen nach Birkenbeul. In den genannten Orten wurde Ahlers Kampfgruppe immer wieder in Rückzugsgefechte mit den nachfolgenden Amerikanern verwickelt. Oberhalb Niederirsen wurde ein flüchtender Volkssturmmann durch eine amerikanische MG-Garbe getroffen, er erlitt einen Bauchschuss und sollte aus Wissen stammen. Der Volkssturmmann soll zwei Tage später an den Folgen dieser Verwundung verstorben sein; unter Umständen handelte es sich hier um den 56-jährigen Ludwig Hörle, welcher auf der Kriegsgräberstätte WISSEN bestattet ist?

Als der Untergang des Dritten Reiches bereits besiegelt war, versuchten man mit dem Volkssturm den alliierten Vormarsch aufzuhalten. An der Westfront kam dieses Aufgebot erstmalig nach der Eroberung der Brücke von Remagen zum Kampfeinsatz. Die älteren Volkssturmmännern waren bereits häufig schon Soldaten des Ersten Weltkrieges gewesen, ihnen war die Sinnlosigkeit ihrer Einsätze bewusst. Dahingegen kämpften besonders die durch NS-Ideologie aufgestachelten Hitlerjungen oft verbissen bis zu ihrem Tod. Meist standen für die Volkssturm-Soldaten keine Uniformen zur Verfügung, dafür aber sollte jeder eine Armbinde mit der Aufschrift „Deutscher Volkssturm – Wehrmacht“ tragen.

 

 

Quellen:

Kriegstagebuch der 1. US. Infanteriedivision
G2-Periodic Report, 27 March 1945
National Archive, Washington, USA

Kriegstagebuch der 104. US Infanteriedivision
G2-Order of Battle Notes,
National Archive, Washington, USA

Kriegstagebuch der 104. US Infanteriedivision
413. US Infanterieregiment, 25 bis 27. März 1945
(G2-Berichte mit Auswertung der in Gefangenschaft geratenen deutschen Soldaten)
National Archive, Washington, USA

Deutscher Volkssturm. Das letzte Aufgebot 1944/45
Franz W. Seidler, München 1989

Derschener Volkssturm im Kriegseinsatz
Emil Georg

Aufzeichnungen und Mitteilungen
Erich Bäcker

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