Exkursion 9 – Schüsse im Wald

Am 15. Juni 2015 fand unsere letzte Exkursion der vergangenen Veranstaltungsreihe statt. „Schüsse im Wald“ veranlassten am 29. März 1945 die Amerikaner in der Nähe von Molzhain eine Patrouille in die Wälder zu entsenden, die der Ursache dieser Schießereien auf den Grund gehen sollte. Diese Patrouille wurde mit knapp 25 Mann kampfstark aufgestellt und hatte zusätzlich den Auftrag, erkannte Feindkräfte zu bekämpfen. Unsere Exkursion sollte größtenteils den Pfad dieser Patrouille vom 28. US Infanterieregiment folgen und nachempfinden, wie sich die Soldaten während dieser Erkundung vor gut 70 Jahren gefühlt haben müssen.

Da der Wetterbericht für diesen Tag mehrfach Regenschauer und kräftigen Wind vorausgesagt hatte, waren leider auch nur vier Personen erschienen, obgleich sich die doppelte Anzahl angemeldet hatte. Dafür hatte einer der Teilnehmer eine einfache Wegstrecke von mehr als 50 Kilometern auf sich genommen! Diesem Umstand der kleinsten Gruppe kann man es danken, dass wir eine Route liefen, die mit einer größeren Gruppe nicht oder kaum umsetzbar gewesen wäre. Dennoch folgten wir im Groß der geplanten Strecke, machten aber zusätzlich den einen oder anderen Abstecher zu Orten, die im Kriegsgeschehen der letzten Märztage 1945 eine bestimmte Rolle gespielt hatten. Besonders durch die kleine Gruppe wurde diese Runde dann doch ein großer Erfolg, die Teilnehmer waren begeistert und mit das Beste an der Aktion: Petrus hatte entgegen der Wettervorhersage nicht einen Tropfen regnen lassen; im Gegenteil, wir wurden noch mit schönstem Wetter bei gut 20 ° Sonnenschein belohnt.

Im Tagesverlauf des 29. März 1945 stießen zwei Kompanien vom I. Bataillon des 28. US Infanterieregiments über Biesenstück nach Dickendorf vor und eroberten anschließend Molzhain und Kausen. Die einzige Kampfhandlung, die sich ereignete, fand noch vor der Einnahme Dickendorfs statt. In der Nähe vom „Weißer Gaul“ waren zurückgehende Wehrmachtssoldaten von den schnell vorstoßenden Amerikanern überrascht worden, es kam zu einem beinahe zweistündigen Waldgefecht, in dessen Verlauf jeweils ein deutscher und amerikanischer Soldat getötet wurden. Nachdem dieser Widerstand niedergekämpft worden war, wurden die weiteren Ziele ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, eingenommen. Im Laufe des Nachmittags wurden Verstärkungen nachgeführt und in Molzhain richtete sich der Gefechtsstand des Bataillons ein. Am frühen Nachmittag zeigten sich mehrere amerikanische LKW, die von Elkenroth kommend Nachschub nach Molzhain bringen sollten. Da diese Fahrzeuge jedoch nicht den Weg über Kausen-Dickendorf genommen hatten, sondern entlang der Betzdorfer Landstraße fuhren, eröffnete etwa um 17.40 Uhr ein deutsches MG aus nordwestlicher Richtung das Feuer auf die Kolonne.

Unser Treffpunkt für diese Exkursion befand sich ziemlich genau zwischen der beschossenen Fahrzeugkolonne und dem deutschen Maschinengewehr. Die amerikanischen Verbände hatten erst damit begonnen, das Gelände von zurückgebliebenen Soldaten zu bereinigen, in die Wälder in Richtung „Alter Bornskopf“ waren zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Patrouillen entsendet worden. Da die Fahrer sofort auf das Feuer reagierten, konnten sie Verluste vermeiden und sich und die Fahrzeuge in Sicherheit bringen. Nun aber stand fest: „Da oben ist Indianerland!“ – Indianerland war im amerikanischen Sinne der Raum, an dem sich noch deutsche Soldaten befanden, die dazu bereit sein würden, noch Widerstand zu leisten. Als später am Tag, gerade nachdem es begann Dunkel zu werden, ein weiteres Mal Schüsse aus den Wäldern zu hören waren, wurde in Kausen eine Patrouille aufgestellt, die unter der Leitung eines Sergeant die Wälder durchkämmen sollte.

Es war mittlerweile nach 20 Uhr, eine Patrouille, die in Steineroth in ein Gefecht verwickelt war, kehrte etwa zu dieser Zeit nach Molzhain zurück, während die Patrouille aus Kausen gerade losmarschierte. Im Moment waren es 50 Mann, die Patrouille und eine Reservegruppe, die im Falle einer Eskalation folgen und den Feuerkampf dann mitaufnehmen sollte.

Es war eine stockfinstere Nacht und man befand sich mitten in Feindesland, der gerade abnehmende Vollmond wurde immer wieder durch Wolken verdeckt, wodurch das wenige Licht weiter gemindert wurde. Auf Höhe des Abzweiges zum „Käuser Steimel“ sollte sich die Gruppe teilen. Während die eine Hälfte in beobachtende Stellung gehen sollte und die Wege in Richtung „Käuser Steimel“ sperren und dadurch der Patrouille den Rücken offen halten würde, wird die restliche Halbgruppe den Ort passieren, an dem nachmittags die Dodge WC63 unter Feuer genommen wurden. Von diesem Punkt an war jegliches Licht verboten, genauso wie Rauchen oder auch nur das gedämpfte Gespräch! Die Patrouille würde für den gesamten Weg, der zwischen 3 und 4,5 Kilometer (je nach Lage sollte auch der „Alte Bornskopf“ erkundet werden) betragen sollte, mehr als 5 Stunden benötigen, geplant waren lediglich 2,5 Stunden.

Auf dieser Exkursion folgten wir dem Weg der Patrouille, zwar waren wir mit rund 70 Jahren Abstand später unterwegs, aber die Eindrücke, die im März 1945 auf die Angehörigen der Patrouille gewirkt haben müssen, ließen sich auf dem Weg zum Teil recht gut erahnen. Wir machten bei unserer Wanderung an den verschiedenen Stationen halt, an denen die Patrouille ihre Entdeckungen machten und an den Stab meldeten. 1945 wurden Ausrüstung, Uniformteile, Stimmen und Motorengeräusche entdeckt, so hieß es in den Funksprüchen, diese fanden wir zwar 70 Jahre später nicht mehr vor, aber wir waren direkt am Ort des Geschehens und die Teilnehmer erahnten, wie Nervenzerreißend die Situation für die amerikanischen Soldaten gewesen sein muss.

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Trotz der Vorhersage von Regen kamen wir unterwegs ganz schön ins Schwitzen. Im Gespräch war zu erfahren, dass die Masse der Ereignisse im Großteil unbekannt waren. Den Auslöser der Kamera drückt gerade Heinz-Werner Sondermann, der als Dauergast kaum eine meiner Exkursionen verpasst hat! Vielen Dank dafür, es hat mich sehr gefreut!

Während ein Funkspruch über Geräusche in der Nacht informiert, lässt ein weiterer erahnen, dass der Krieg noch nicht vorbei ist. Mehrere Schüsse peitschten durch die Nacht. Im ersten Moment war unklar, ob die Schüsse der Patrouille galten oder wem anderen? Fest stand: das Feuer kam aus einer Richtung, wo sich die Soldaten der Patrouille bereits vor gut zwei Stunden zuvor befunden hatten. Dadurch wurde klar, dass sich hinter ihrem Rücken noch immer feindliche Soldaten aufhielten. Die weitere Nachsuche brachte einen stark eingebluteten, zivilen Mantel zum Vorschein, eine Blutspur deutete den weiteren Weg in den Bereich des so genannten „Hümmersteines“, wo man Hinweise darauf entdeckte, dass jemand dem Anschein nach schwer verwundet worden war. Mehrere Verbandspäckchen lagen verstreut auf dem Boden, eine zerfetzte Hose, die dem Opfer von den Beinen heruntergeschnitten sein musste und daneben eine Armbinde, welche das Oper als einen Angehörigen des deutschen Volkssturmes auszeichnete. Die weiteren Ergebnisse der Patrouille blieben ohne Resultate.

Unbekannt  bleibt, ob der angeschossene Mann überlebt hat, ob er vielleicht noch von der eigenen Truppe in ein Lazarett gebracht werden konnte? Warum die Schüsse gefallen sind und wem sie gegolten haben? Diese Ereignisse des 29. März 1945 hinterlassen uns heute ein Rätsel. Vor allen Dingen wird immer unklar bleiben: Wer war das Opfer – was ist ihm geschehen? Eine Frage, die man heute wahrscheinlich nicht mehr beantworten kann. Fest steht nur, dass in der Nacht wahrscheinlich ein Angehöriger des Volkssturmes angeschossen wurde. Ob aus Leichtsinn, aus einem Versehen heraus oder mit voller Absicht, das lässt sich nicht mehr nachvollziehen.

Die vergangenen Exkursionen waren so erfolgreich und teilweise mehr als ausgebucht, dass wir uns dazu entschlossen haben, im zweiten Halbjahr 2015 eine weitere Reihe mit Exkursionen auf die Beine zu stellen. Informationen dazu finden Sie unter diesem Link.

Ralf Anton Schäfer

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ich bin als Gründer für diese Seiten verantwortlich.
In den Jahren meiner Recherchen habe ich umfangreich Materialien zusammengetragen zu den Infanteriekämpfen der Endphase im Zweiten Weltkrieg. Der Archivbestand umfasst viele Tausend Seiten und deckt im Groß den Westen für die Zeit von der Landung der Alliierten in der Normandie bis zu den letzten Kämpfen um den Ruhrkessel.
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