Exkursion 2 – Kampf und Untergang des Volkssturmbataillons Altenkirchen

Nachdem die 1. US-Armee am 25. März 1945 überall entlang der Remagener Brückenkopffront ihre schweren Angriffe vorantrieb,  wurde der Volkssturm des Kreises Altenkirchen in der Nähe von Neustadt aus der Stellung gedrückt. Dieses Bataillon, es war das erste von zwei im Kreis Altenkirchen aufgestellten, zog sich bis in den Raum Rott-Flammersfeld zurück, wo es zu einem letzten größeren Einsatz kam. Während unserer Exkursion sollten wir uns am 19. September 2015 in der Umgebung von Rott mit der Geschichte der beiden im Kreisgebiet aufgestellten Bataillone befassen und auf noch sichtbare Spuren stoßen, welcher dieser sinnlose Kampf hinterlassen hatte.

Ein gutes Bild darüber, wie der Volkssturm aufgestellt wurde, der im Brückenkopf von Remagen zum Einsatz kommen sollte, hat Hans Schneider, der 1945 als Fahnenjunker im Stab der 363. Volksgrenadier Division seinen Dienst versah, festgehalten. Ihm oblagen die Aufgaben und Ausbildung des Volkssturmes innerhalb der Division.

„…Es gab zwei grundlegende Kriterien: die Jahrgänge und die Diensttauglichkeit. Während man bei den Jahrgängen nicht viel machen konnte, so wurde aber bei der durch den Truppenarzt ermittelten Tauglichkeit gerne mal ein oder gar auch zwei Augen zugedrückt! Es musste schließlich ein Mannschaftsbestand von Summe X erschaffen werden mit allen Männern, die greifbar wurden. Hinzu kam natürlich auch der Werdegang von jedem, Teilnehmer des 1. WK… wurden nahezu alle als tauglich eingestuft – sofern nicht ein schweres Leiden aus dieser Zeit vorlag – wie ein fehlendes Bein oder ähnliche Verwundungen…Während die Zuziehung der jüngsten Jahrgänge eher unproblematisch war, so gab es gerade aber bei den Alten Probleme. Die Jungen hatten meist schon eine entsprechende Ausbildung während der Dienstzeit in der Hitlerjugend erhalten und wären öfters auch gerne dazu bereit gewesen, am letzten großen Waffengang ihren Teil zu haben – natürlich gegen den Willen der Eltern…Problematisch war der fanatische Wille vieler junger Burschen. Man hatte ihnen die Panzerfaust mit einem bestimmten Auftrag an die Hand gegeben, die militärische Entwicklung jedoch erforderte wenig später Anderes – dann gab es größere Schwierigkeiten, diese Jungs zu überzeugen, doch noch den Rückzug anzutreten. Man hatte gelernt, den Feind zu hassen und nötigenfalls auch zu bekämpfen!“

Unser Treffpunkt für diese Exkursion war der Wanderparkplatz in Rott am Walter-Bartels-Weg. Zwölf Personen, die sich für die Geschichte des Altenkirchener Volkssturmes interessierten, sollte ich während dieser Runde durch die Wälder rund um Rott führen. Großes Interesse fanden auch die immer wieder stattfindenden Diskussionen, da bei dieser Runde ebenfalls auch zwei Zeitzeugen anwesend waren. Während der eine das Kriegsende als Jugendlicher in Rott erlebte, hat der andere als elfjähriger nur fünf Kilometer hinter der Front im Bereich südlich von Berlin mithelfen müssen, deutsche Panzer aufzumunitionieren, die anschließend in den Kampf gefahren waren.

Besonders die Geschichte des Volkssturmes im Westen hinterlässt heute weitreichende Lücken in der Geschichtsschreibung. Bevor wir uns den wenigen Einsätzen des Altenkirchener Volkssturmes widmen, muss man sich mit der militärischen Situation in der Region beschäftigen, da erst nach überschreiten des Rheins der hiesige Volkssturm mobilisiert und in den Einsatz geworfen wurde. Bekannt ist heute, dass bis auf wenigste Ausnahmen an der gesamten Westfront kaum Volkssturmeinheiten zum organisierten Einsatz gekommen sind. Bis zum alliierten Vormarsch an den Rhein hatte der Volkssturm des westdeutschen Reiches meist nur Sicherungsaufgaben zu versehen oder wurde abkommandiert zum Stellungsbau. Bei Einmarsch der Amerikaner in die Millionenstadt Köln wurde erstmals versucht, die Volkssturmpflichtigen in größerem Umfang an die Waffen zurufen und in den Kampfeinsatz zu schicken. Diese Bemühungen, besonders durch Gauleiter Grohe, waren größtenteils zwecklos und vom taktischen Standpunkt betrachtet vollkommener Unsinn. Nur die wenigsten folgten diesen Befehlen, einige wurden durch die Kommandeure heimgeschickt. Trotzdem kam es aber zu einigen Kampfeinsätzen des Volkssturmes in Köln. An der Ostfront, bzw. in Breslau oder Königsberg, starben zur gleichen Zeit Hundertschaften junger Burschen und alter Männer, die man Seite an Seite mit Wehrmachtseinheiten in den Kampf gezwungen hatte. In Westdeutschland hatte die gesamte Mobilisierung des Volkssturmes einfach nicht funktioniert, sie hatte versagt, weil den Bürgern trotz der deutschen Propaganda bewusst und bekannt war, dass der alliierte Feind nicht das „menschenhassende Monstrum“ war, wie es durch die Propaganda gleichermaßen über den Russen behauptet wurde. Im Westen hatte die Bevölkerung einfach weniger Angst vor den Alliierten.

Erst nachdem die Amerikaner überall an den Rhein herangestoßen waren und am 7. März 1945 die Ludendorff-Brücke in Remagen eroberten, änderte sich die gesamte Situation. „Der Ami ist über´n Rhein“ war die Parole. Deutsche Truppen, die über den Fluss gesetzt hatten, waren seit Monaten in ununterbrochenen Gefechten eingesetzt und ausgeblutet bis zum letzten Mann. Auffrischung kam meist nur in Form von kaum ausgebildeten oder versprengten Soldaten, die meist noch anderen Waffengattungen, wie der Luftwaffe oder Marine, angehörten. Nachdem die Amerikaner den Remagener Brückenkopf bildeten, wurde deutscherseits alles versucht, diesen Brückenkopf zu beseitigen. Dazu wurden Soldaten benötigt, die es kaum noch gab. Erstmalig ging überall entlang der Westfront eine Art Ruck durch die Truppe, in dem man versuchte die Truppen durch greifbare und fast überall befindliche Volkssturmpflichtige oder bedingt kriegsverwendungsfähige Soldaten aufzufrischen. Wer gestern noch UK-Gestellt (unabkömmlich im Sinne von Arbeit in wehrwirtschaftlichen Betrieben etc.), der musste heute bereits um sein Leben fürchten und damit rechnen, sich innerhalb kürzester Zeit beim Volkssturm einzufinden und/oder durch die Wehrmacht vereinnahmt zu werden.

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Im Raum Leverkusen-Solingen befand sich die 363. Volksgrenadier Division zur Auffrischung, nachdem die Division gerade aus Köln über den Rhein gesetzt hatte. Diese Auffrischung ging so vonstatten, dass jeder wehr- und volksturmpflichtige in die Truppe befohlen wurde. Ärztliche Untersuchungen wurden meist zum Nachteil der Untersuchten durchgeführt. Wer sich der Musterung im Schloss Morsbroich entziehen wollte, begab sich in die Gefahr durch Militärpolizei zwangsvorgeführt zu werden, oder aber noch schlimmer, konnte erschossen werden. Der aus Wiesdorf stammende, erst 16-jährige Günter Julius Wehrmeister sollte am 12. März 1945 im Schloss Morsbroich gemustert werden und wurde während eines Fluchtversuches um 15.30 Uhr im angrenzenden Wald erschossen. Männer, die eigentlich unabkömmlich waren, wurden aus den Betrieben, Bunkern oder Wohnungen herausgeholt und man vernichtete den Bescheid über die Unabkömmlichkeit. Dies waren nur einige der Praktiken, die die Armee nutze, wenn sie über den Mannschaftsbestand des Volkssturmes verfügen wollte; sie hat ihn einfach vereinnahmt. Aufgestellt wurden nach dem Rheinübergang im Kreis Altenkirchen mindestens zwei Bataillone:

Bataillon Schäfer mit drei Kompanien – hierzu gehörte auch die Kompanie Derschen

Aufgestellt am 12.3.1945 auf Befehl des Kreisleiters Venter vom 7. März 1945. Die Masse der Kompanie „Derschen“ setzte sich aus „UK“-gestellten Arbeitern zusammen, von denen viele bei der Firma Wolf-Geräte in Betzdorf tätig waren. Die Kompanie wurde in das Schulgebäude nach Molzhain verlegt, wo sie bis zum 15. März eine Ausbildung an Panzerfaust, Maschinengewehr und Karabiner erhielt. Am 16. März erfolgte mittels LKW der Transport in den Raum Neustadt/Wied, wo sich ab dem 19. März Gefechte um die Wied-Übergänge ereigneten. Zwischen dem 22. und 25. März stand die Kompanie in direkten Gefechten mit den amerikanischen Verbänden, wobei der 22. März besonders hohe Verluste forderte. Am 25. März 1945 überwand die 9. US Infanteriedivision die Wied und drängte scharf gegen die Reste der 340. Volksgrenadier Division vor, der die Volkssturmkompanie unterstellt worden war. Die Wehrmacht setzte sich vor den Amerikanern fluchtartig ab und befahl dem Bataillon Schäfer die Stellungen zu übernehmen. Die Einheit war diesem Druck in keiner Weise gewachsen und musste sich ebenfalls zurückziehen. Hierbei ist bekannt, dass die Derschener Kompanie über Peterslahr-Döttesfeld nach Seifen zurückging, wo noch einmal Verteidigungsstellungen bezogen wurden. Am 26. März setzten die Amerikaner erneut nach, so dass sich die nicht direkt in den Kampf eingebundenen Männer nach Brubbach zurückzogen. Dort wurde die Volkssturmkompanie überrannt und geriet am Mittag in Gefangenschaft.

Bataillon Altenkirchen – Bestehend aus drei Kompanien

Etwa am 22. März 1945 auf direkten Befehl von General Carl Püchler, Chef des LXXIV. Armeekorps in Stürzelbach, aufgestellt. Püchler soll zum Ausdruck gebracht haben, dass sich noch Hunderte Volkssturmleute in der Gegend vor dem Einsatz drücken und mit Nachdruck der kämpfenden Truppe zuzuführen sind! Zwei Kompanien wurden der 3. Panzergrenadier Division bei Weyerbusch unterstellt, der genaue weitere Einsatzweg ist leider unbekannt. Hauptmann Kurt Ahlers hält über den in Weyerbusch eingetroffenen Volkssturm fest:„…völlig mürrische des Kampfes unlustige Soldaten, deren Kampfwert gleich Null ist!… Durchschnittsalter ist 40 Jahre. Nur wenige haben eine infanteristische Ausbildung erhalten. Handhabung der Panzerfaust in Masse unbekannt. Zwei MG-Schützen wissen nicht in der Handhabung ihres MG Bescheid. In der Zuweisung solcher Bataillone besteht kein Grundstock für eine neu aufzubauende Kampflinie. Ein geschlossener Einsatz des Bataillons ist unmöglich…“Die dritte Kompanie wird am 23. März in der Nähe von Flammersfeld dem direkten Kommando des LXXIV. Armeekorps unterstellt. Sie soll den Weg von Kescheid nach Flammersfeld sperren. Am 24. März erhält die Truppe im Raum Püscheid Befehl sich für einen bevorstehenden Gegenangriff vorzubereiten, weitere Verstärkungen sollen während der Nacht zugeführt werden. Der Angriff soll am nächsten Tag beginnen. Durch den amerikanischen Großangriff am 25. März wird der Angriff vereitelt, die Verbände ziehen sich bis nach Rott-Flammersfeld zurück, zwischen Asbach und Diefenau wird gekämpft und die Truppe erahnt nun, das der nächste Einsatz bevorsteht. Am Nachmittag erscheinen dann aus Richtung Asbach kommend die ersten amerikanischen Panzer, es kommt zu einem kurzen Gefecht, wobei die Kampfgruppe verlustreich zerschlagen wird. Hier sterben mindestens drei Volkssturmleute, zwei davon stammen aus Fluterschen, der dritte aus Berzhausen. Hiernach verblasst die Spur des Altenkirchener Volkssturmes, weitere Einsätze sind nachgewiesen bspw. für Pracht, Betzdorf, Herdorf, Mudersbach etc. Ungewiss bleibt jedoch, ob sich Altenkirchener Volkssturm an diesen Gefechten beteiligte.

 

Ralf Anton Schäfer

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ich bin als Gründer für diese Seiten verantwortlich.
In den Jahren meiner Recherchen habe ich umfangreich Materialien zusammengetragen zu den Infanteriekämpfen der Endphase im Zweiten Weltkrieg. Der Archivbestand umfasst viele Tausend Seiten und deckt im Groß den Westen für die Zeit von der Landung der Alliierten in der Normandie bis zu den letzten Kämpfen um den Ruhrkessel.
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